Wenn man das Gefühl sucht, dass Musik im Jahr 2026 noch überraschen, ja sogar verstören kann, ist man bei Angine de Poitrine (französisch für Angina Pectoris/Brustschmerzen) genau richtig. Das kanadische Duo aus Saguenay, bestehend aus den maskierten Musikern Khn (Gitarre/Bass/Looping) und Klek (Schlagzeug), hat mit Vol. II ein Werk veröffentlicht, das die Grenzen des Math-Rock sprengt und in Richtung Avant-Prog und Psychedelic abdriftet.
Der Sound:
Die Musik ist hochgradig energetisch, dissonant und hypnotisch. Das Markenzeichen ist die Verwendung mikrotonaler Instrumente – Gitarren, die Intervalle kleiner als der Standard-Halbtonschritt spielen. Das Ergebnis sind „schiefe“, „fremdartige“ Melodien, die sich dennoch fest in den Gehörgängen verankern. Oft wird mit Looper-Pedalen gearbeitet, um komplexe Klangteppiche zu weben, während die Drums ungerade Rhythmen in den Vordergrund treiben. Der Gesang besteht meist aus dadaistischem Kauderwelsch oder tierischem Grunzen, was den „Alien-Charakter“ unterstreicht.
Vergleiche: Ein „Best-of“ des schrägen Progs
Die Vergleiche mit Prog-Legenden hinken zwar oft, da Angine de Poitrine viel reduzierter (als Duo) und aggressiver agieren, aber sie sind hilfreich, um die Atmosphäre zu verstehen:
- vs. Magma: Von Magma übernimmt das Duo die absolute Ernsthaftigkeit im Absurden. Wie bei Christian Vanders „Zeuhl“-Genre (der fiktiven Sprache Kobaiisch) erfinden Angine de Poitrine ihre eigene musikalische Welt. Das „Alien-hafte“ und die hypnotische Repetition, besonders auf Mata zyklek, erinnert stark an den düsteren, rituellen Groove von Magma. Wo Magma jedoch opernhaft-klassisch ist, ist Angine de Poitrine punkig-mathrockig.
- vs. Gong: Die Verbindung zu Gong liegt im psychedelischen, freigeistigen Ansatz. Wie bei Daevid Allen & Co. wird hier mit Mikrotonalität experimentiert, um eine spacey Atmosphäre zu schaffen. Allerdings fehlt Angine de Poitrine der eher jazzig-verspielte „Canterbury“-Sound. AdP ist hektischer, fast wie ein „Speed-Metal-Gong“-Verschnitt.
- Andere Einflüsse: Viele Rezensenten sehen Verbindungen zu King Gizzard & The Lizard Wizard (wegen der Mikrotonalität) oder Battles (Looping-Struktur), gepaart mit dem theatralischen Humor von Frank Zappa.
Fazit:
Vol. II ist ein kurzes, knackiges Meisterwerk der Avantgarde. Es ist eine Band, die man live erleben muss, um den absurden Zauber der Masken und der musikalischen Fähigkeiten voll zu erfassen. Wer Gong für den psych-Prog-Vibe und Magma für die düsteren Zeuhl-Rhythmen liebt, findet hier die moderne, mikrotonale Antwort.
Bewertung: Ein absoluter Tipp für Liebhaber des schrägen Progs.